Ich höre was, was du nicht sagst

Katharina ist mit dem Putzen der Fenster beschäftigt. Erwin schaut ins Wohnzimmer. Mit gerunzelter Stirn sagt er zu seiner Frau: "Ist da oben rechts noch ein Fleck?" Genervt lässt Katharina den Putzlappen fallen: "Das glaube ich jetzt nicht. Weißt du was, du kannst in Zukunft selbst die Fenster putzen. Oder besser noch: Frag doch deine Mutter, ob sie das macht. Die kann sowieso generell alles besser als ich."

Kommunikation ist manchmal ganz schön kompliziert. Wahrscheinlich versteht Erwin die Welt nicht mehr. Er wollte doch nur mithelfen. Möglicherweise versteht Katharina ihre Reaktion auch nicht so ganz. Vielleicht wünscht sie sich mehr Unterstützung bei solchen Projekten. Vielleicht fühlt sie sich gemaßregelt und hört im Geiste ihre perfektionistische Schwiegermutter reden.

die Luft rausnehmen

Ein souveräner Erwin könnte jetzt einen Schritt zurücktreten und dem Konflikt die Schärfe nehmen:"Sorry, dass kam jetzt ziemlich besserwisserisch rüber. Ich wollte nur vermeiden, dass du dich hinterher selbst ärgerst. Kann ich dir helfen?" Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit würde der Konflikt nicht weiter eskalieren.

Eine geistesgegenwärtige Katharina könnte auch zu dem Schluss kommen, dass sie über das Ziel hinausgeschossen ist. Warum sollte sie der Mann schikanieren, der mit ihr durch dick und dünn gehen wollte? Also sagt sie: "Du könntest recht haben mit dem Fleck. Dass ich so reagiert habe tut mir leid. Ich glaube, es würde sich lohnen, mal genauer hinzuschauen, warum mich das so auf die Palme bringt."

Wenn es dumm läuft, nehmen die beiden nicht die Luft aus dem Konflikt raus, sondern gießen weiter Öl ins Feuer. "Sag mal, was ist denn mit dir los? Was flippst du denn jetzt so aus? Ich habe dir doch nur eine normale Frage gestellt. Gib mir doch einfach eine normale Antwort!", könnte Erwin sagen und beleidigt den Raum verlassen. Und auch Katharina findet noch ein paar schöne Worte, die sie ihm hinterherrufen kann: "Eine normale Frage? Hörst du dich eigentlich selbst mal reden? Du bist nur am Kritisieren, an allem mäkelst du rum. Dir kann man sowieso nichts recht machen."

den anderen wahrnehmen

Wenn wir frisch in eine Beziehung starten, ist es uns wichtig, den anderen kennenzulernen. Wie tickt der andere? Was fühlt er? Was ist ihm wichtig? Wir können stundenlang reden und uns austauschen. Wir wollen alles über den anderen erfahren und jedes noch so kleine Detail hat für uns Bedeutung. Wir nehmen uns Zeit und stellen Dinge, die für uns sonst so wichtig sind, hintenan, um ganz für den anderen da zu sein, um ihn zu hören und zu sehen. Die innige Vertrautheit die dadurch entsteht, lässt unsere Herzen höher schlagen.

Jedoch bleibt dieser Zauber der ersten Verliebtheit meist nicht auf Dauer bestehen. Mit der Zeit verändert sich die Kommunikation in einer Beziehung. Der gemeinsame Alltag mit allen Höhen und Tiefen und die tägliche Konfrontation mit den Eigenarten des Partners verändert unser miteinander.  Häufig sind wir den ganzen Tag mit unserem Partner im Kontakt. Eine kurze Nachricht auf dem Handy, eine weitergeleitete Mail, ein Anruf aus dem Büro, um zu klären, ob man auf dem Heimweg von der Arbeit noch etwas einkaufen soll. Wir halten uns tagsüber oft gut auf dem Laufenden. Das ist häufig sehr praktisch, aber ersetzt kein wirkliches Gespräch. Ein echtes Gespräch bedeutet: Ich sehe dich. Ich nehme wahr, wie es dir geht. Ich lasse mir nicht von angehängten Smileys einer Nachricht die Stimmung meines Partners erklären. Ich beobachte und erlebe meinen Partner selbst. Ich nehme mir Zeit und bin achtsam. Ich habe ein wirkliches Interesse daran zu hören, was mein Partner zu sagen hat.

alles schon gehört

Klingt zu schön um wahr zu sein? In meiner Praxis erlebe ich häufig Paare, wo es genau an diesem Punkt hakt. Nach 5, 10 oder 20 gemeinsamen Jahren kann es vorkommen, dass das Interesse daran sinkt, wirklich zuzuhören, was der andere sagt. Schließlich hat man ja nun wirklich alles auch schon mal gehört und kennt sich in- und auswendig. Man glaubt zu wissen, was der Partner denkt, fühlt oder gerade sagen will. Aussagen des Partners werden schnell in Schubladen abgelegt. Man nimmt den Anderen nicht mehr wirklich wahr. Er ist einfach da - völlig selbstverständlich, auch ohne viele Worte.  Das ist schade, denn innige Gespräche fördern die Verbundenheit mit dem Partner und stärken die Beziehung.

In langjährigen Beziehungen kann der Fleck am Fenster, der hochgeklappte Klodeckel oder die Frage wer den Müll rausbringt, zum Auslöser für einen handfesten Streit werden. Meinungsverschiedenheiten gehören zu einer Parterschaft dazu, doch wie kann es gelingen, sie so zu gestalten, dass sie das Paar tatsächlich weiterbringen? In einer ruhigen Minute sind sich Erwin und Katharina sicherlich einig, dass sie nichts gewinnen können, wenn sie sich über einen Fleck entzweien. Doch mitten im Konflikt, wenn die Emotionen hochkochen, liegt ihnen dieser Gedanke fern, und sie wollen auf keinen Fall klein beigeben. Paare, die es schaffen, im Durcheinander der Gefühle nach einer gemeinsamen Basis zu suchen, werden aus Auseinandersetzungen gestärkt hervorgehen.

Am du zum ich

Natürlich kann eine Veränderung in der Kommunikation nicht von heute auf morgen gelingen, besonders dann nicht, wenn sich Kreisläufe über Jahre hinweg eingefahren haben. Es kann auch mal etwas mühsam oder anstrengend sein. Aber es lohnt sich, denn immer dann, wenn wir bereit sind uns zu öffnen und den Mut haben, uns verletzlich zu zeigen, findet Begegnung statt. Gemeinsam können wir mit -und aneinander wachsen und reifen. Der Theologe Martin Buber formuliert es so: "Der Mensch wird am Du zum Ich." Indem ich auf meinen Partner zugehe und etwas über ihn erfahre, erfahre ich auch etwas über mich. Wenn ich höre, was meinen Partner beschäftigt, kann auch ich nicht bleiben wie ich bin. Etwas verändert sich und kommt in Bewegung.